life + style
Bulimie
wenn sich das eigene Leben heimlich abspielt…
Janina ist schlank und sportlich. In der Schule ist sie beliebt und beeindruckt so manchen mit ihrem Ehrgeiz und ihrer Disziplin. Im Sommer trifft sich die 16-Jährige oft mit ihren Freunden zum Grillen. Alle staunen dann, wie viel sie essen kann – „obwohl sie doch so schön schlank ist“. Nach außen hin scheint bei Janina alles in bester Ordnung zu sein. Doch keiner weiß, dass sie nach dem Essen den Finger in den Hals steckt und sich übergibt. Manchmal nimmt sie auch Abführmittel, wenn sie in einem Anfall von Esssucht wieder tonnenweise Chips und Schokolade in sich reingestopft hat. Dies ist ihre Lösung für die eigentlich unvereinbaren Ziele: grenzenlos essen zu können und gleichzeitig schlank zu bleiben.
Janina leidet an Bulimie, oder auch: Ess-Brech-Sucht. In Deutschland gibt es rund 600.000 Betroffene – etwa 95 Prozent sind junge Mädchen. Bis zu 30.000 Kalorien – meist fett- und kohlenhydratreiche Lebensmittel – verschlingen Bulimie-Erkrankte bei einem Heißhunger-Anfall. Die Fress- und Brechattacken reichen von ein- bis zweimal die Woche bis hin zu 20 Mal am Tag. Familie, Freunde oder Partner bekommen davon häufig nichts mit – alles spielt sich heimlich ab. So sind Bulimiker meist besonders kontrollierte Menschen, die zwischen ihren Fressattacken „funktionieren“ und oft sehr erfolgreich in ihrem Lebensbereich sind.
Bulimie ist inzwischen eine der häufigsten psychischen Erkrankungen unter Frauen. Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, geringes Selbstbewusstsein oder schmerzliche Erfahrungen – die Gründe für die Erkrankung können sehr unterschiedlich sein. Die seelischen Folgen sind dramatisch: Das geheim halten führt meist zu emotionaler Einsamkeit, Traurigkeit und Depressionen, was die Betroffenen noch tiefer in die Bulimie hineinführt.
Körperliche Folgen: Magensäure greift den Zahnschmelz an
Zudem zieht Bulimie ernsthafte körperliche Schäden nach sich – durch ständiges Erbrechen, Fehlernährung und Abführmittelmissbrauch sind die Erkrankten mit Elektrolyten, Spurenelementen und Vitaminen unterversorgt. Ihre Speicheldrüse vergrößert sich, weshalb viele Bulimiker „Hamsterbacken“ kriegen. Des Weiteren greift die stark ätzende Magensäure, die beim regelmäßigen Erbrechen immer wieder in die Mundhöhle gelangt, den Zahnschmelz an und löst ihn auf. Mit fortschreitender Erosion wird das schmerzempfindliche Dentin freigelegt – die Betroffenen leiden dann an einer Überempfindlichkeit gegen Reize wie heiß, kalt, süß oder sauer. „Studien haben gezeigt, dass fluoridhaltige Zahnspülungen einen positiven Effekt bei der Remineralisation von durch Säure angegriffenem Zahnschmelz haben“, erklärt Bärbel Kiene von der elmex Forschung. „Und was die meisten Betroffenen nicht wissen: Das Putzen der Zähne unmittelbar nach dem Erbrechen ist stark schädigend, lediglich Spülungen würden Erosionsschäden abmildern – allerdings kann natürlich auch die beste Pflege nicht das sich Auseinandersetzen mit der Krankheit ersetzen.“
„Wieder ein glückliches Leben führen“
Gundis Zámbó, TV-Moderatorin und Bestsellerautorin, die fast 25 Jahre an Bulimie litt, wusste schon zu Beginn ihrer Erkrankung von der Gefahr für die Zähne. „Die tatsächlichen Folgen des ständigen Erbrechens konnte ich ein paar Jahre später an meinen eigenen Zähnen erkennen“, berichtet die 41-Jährige, die seit vier Jahren von ihrer Essstörung geheilt ist. „Zum Glück habe ich einen guten Zahnarzt – es war zwar teuer und aufwändig, aber heute kann ich wieder strahlend lachen. Mithilfe von Freunden, Familie und Therapeuten habe ich meine Essstörung überwunden und kann ein glückliches Leben führen.“
Um den Weg aus dem Ess-Brechsucht-Teufelskreis zu finden, benötigen die Betroffenen psychologische Betreuung und Beratung. Informationen, Hinweise und Hilfestellungen bieten u. a. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (www.bzga-essstoerungen.de) oder auch gemeinnützige Vereine wie etwa das Bulimie-Zentrum (www.bulimie-zentrum.de) oder Hungrig-Online (www.bulimie-online.de).
Buchtipp:
Gundis Zámbó: „Mein heimlicher Hunger“,
Rowohlt Verlag
Gundis Zámbó ist zehn, als sie im Sportunterricht feststellt, dass sie nicht so schlank ist wie die anderen Mädchen in ihrer Klasse. Ihre Freundinnen verraten ihr schließlich, wie man nach Herzenslust essen und trotzdem dünn bleiben kann, und die Ess-Brech-Sucht erhält Einzug in Gundis Zámbós Leben. Diese Jahre sind der Beginn eines jahrelangen Kampfes gegen ihr – objektiv gar nicht vorhandenes – Übergewicht. Einen Kampf, den sie schließlich gewinnen wird.
Heftnummer: 2008/03
Autor: Bomblat, Sabine
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