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Pazifist oder Pate
Ist Einstein der „Vater der Atombombe“?
6. August 1945, 8.13 Uhr. Die Besatzung des US-Bombers „Enola Gay“ erhält Befehl, einen Nuklearsprengsatz abzuwerfen. Bereits zwei Minuten später klinkt Oberst Tibbets die Bombe, „Little Boy“ genannt, aus. Kurz darauf blitzt über Hiroshima ein riesiges Licht auf. Eine gigantische Druckwelle entsteht. Ohrenbetäubender Lärm. Alles brennt.
Die Bilanz dieses ersten Atombomben- Einsatzes: „Little Boy“ tötet mit einem Schlag weit über 150.000 Zivilisten. Die Stadt ist zu 80 Prozent zerstört. Die Überlebenden leiden bis zu ihrem Lebensende an Folgeschäden.
Welche Schuld trifft Einstein, den überzeugten Pazifisten, an dieser Tragödie? Ist er wirklich der „Vater der Atombombe“, wie oft zu lesen ist?
Rückblende. Mit seiner berühmten Formel E = mc2 formuliert Albert Einstein, welche enormen Energiemengen in der Materie verborgen sind. Als dann der Chemiker Otto Hahn 1938 durch den Neutronen- Beschuss von Uran herausfindet, wie man Atomkerne spaltet und dabei Energie freisetzen kann – und er dies auch veröffentlicht – sind fast alle Puzzleteile aufgedeckt, die für die Entwicklung einer nuklearen Super- Waffe notwendig sind. Die Wissenschaftsgemeinschaft muss lediglich eins und eins zusammenzählen.
Dies tun die aus Ungarn stammenden und in die USA emigrierten Physiker Leó Szilard und Eugene Wigner. Sie informieren Einstein 1939 über die neuen kriegstechnischen Möglichkeiten. Die Naturwissenschaftler befürchten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Hitler- Deutschland über eine solch furchtbare Waffe verfügt. „Daran hatte ich nicht gedacht“, soll es Einstein entfahren sein. Im August verfassen die Ungarn einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt, in dem der Präsident vor der Gefahr einer deutschen Atombombe gewarnt wird. Sie empfehlen, präventiv selbst eine solche Bombe zu entwickeln. Einstein und andere unterzeichnen das Schreiben. (In Einsteins Nachlass wird später eine Vorversion des Briefes gefunden, die darauf schließen lässt, dass der Wissenschaftler den Brief mitentworfen haben könnte.)
Nicht zuletzt auf Grund Einsteins Popularität findet dieses Schreiben Gehör: Die US-Regierung startet das so genannte „Manhattan-Projekt“, das die Entwicklung einer Atombombe zum Ziel hat. Geleitet wird das Geheim-Projekt, in das rund zwei Milliarden US-Dollar investiert werden, vom Physiker Robert Oppenheimer. Einstein selbst ist nicht beteiligt. Dem FBI gilt er als potenzieller Kommunist und „politisch unzuverlässig“.
April 1945. Das „Manhattan-Projekt“ läuft äußerst erfolgreich, und eine Niederlage der Deutschen zeichnet sich ab. Wieder ist es Leó Szilard, der mit Einstein einen Brief an Roosevelt schickt. Diesmal warnen sie den Präsidenten, die Bombe gegen Japan, das erbittert weiterkämpft, einzusetzen. Doch ohne Erfolg. Roosevelt stirbt. Es kommt unter Truman zum ersten Atombomben-Abwurf.
In einem Brief an den Japaner Shinohara rechtfertigt Einstein 1953 seinen Einsatz zur Entwicklung der Atombombe und schreibt: „Ich bin ein entschiedener, aber kein absoluter Pazifist, dass heißt, dass ich der Anwendung von Gewalt unter irgendwelchen Umständen entgegentrete, ausgenommen, wenn ich mit einem Feind konfrontiert werde, der die Vernichtung des Lebens als Ziel betreibt. […] Ich glaubte, wir müssten die Möglichkeit Deutschlands vermeiden, unter Hitler im alleinigen Besitz dieser Waffe zu sein.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste er längst, dass Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch meilenweit von der Entwicklung einer einsatzfähigen Atombombe entfernt war. Er und die anderen Wissenschaftler haben den Stand der deutschen Forschung weit überschätzt.
Einstein sieht seinen Fehler ein und bereut zutiefst, den Anstoß für die Atomwaffenforschung in den USA gegeben zu haben. Noch kurz vor seinem Tod 1955 sichert er dem einflussreichen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell zu, sich gemeinsam mit ihm in einem Manifest für atomare Abrüstung einzusetzen. Die Erklärung, die später neun weitere Wissenschaftler unterzeichnen, geht als „Einstein- Russell-Manifest“ in die Geschichte ein.
Zum Weitersurfen
www.einsteingalerie.de
www.aktivepolitik.de
www.zdf.de
ZUM WEITERLESEN
Albert Einstein: Warum Krieg? Ein Briefwechsel.
Diogenes 2005
Rainer Karlsch: Hitlers Bombe
DVA 2005
Friedrich Dürenmatt: Die Physiker
(verschiedene Ausgaben)
Heftnummer: 2005/03
Autor: Wojahn, Cornelia
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